Mit der Eröffnung der Photographischen Lehranstalt des Lette-Vereins begann im Jahre 1890 ein neuer Abschnitt der Berufsausbildung für Frauen. Die Lehranstalt war die erste schulische Ausbildungsstätte im Bereich der Fotografie. Bisher war eine Ausbildung zur Fotografin oder zum Fotografen nur in Ateliers und Betrieben möglich. Die Photographische Lehranstalt des Lette-Vereins unter Führung ihres ersten Direktors Dankmar Schultz-Hencke erweiterte im Laufe der Jahre die Berufsfelder der Frauen über den gewerblichen, künstlerischen und kaufmännischen Bereich hinaus um eine Reihe von Berufen im naturwissenschaftlich-technischen Bereich.

1895 entstand hier der Beruf der Röntgenschwester und 1905 der Beruf der Metallographin. Nicht nur diese Berufe basieren auf fotografischer Technik, auch den zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandenen Laborberufen liegen bildgebende Verfahren zugrunde, die in der Photographischen Lehranstalt die Basis aller Ausbildung darstellten. Unser Archiv ist stolz auf eine kleine Sammlung von Glasplatten mit histologischen und metallografischen Aufnahmen, die Ilse Körner in den 1930er Jahren herstellte.
Ab 1891 gehörte Marie Kundt und ab 1900 Anna Köppen zu den führenden Persönlichkeiten der Photographischen Lehranstalt. Sie waren wesentlich an der Ausarbeitung der Berufsbilder technischer Assistentinnen sowie an der Gründung des Berufsverbandes und des Clubs ehemaliger Schülerinnen beteiligt. 1910 wurde in der Photographischen Lehranstalt eine Abteilung für Männer geschaffen, die von Carola Lohde geleitet wurde.

Im Jahr 1930 wurden an der Photographischen Lehranstalt als einer staatlich anerkannten technischen Mittelschule die folgenden Ausbildungen angeboten:
Lehrgang 1: Fachfotografie
1a) Bildnisfotografie
1b) Technische Fotografie
Lehrgang 2: wissenschaftlich-technische Hilfsarbeit
2a) Laboratoriumsassistentin
2b) Röntgenassistentin
2c) Laboratoriums- und Röntgenassistentin
2d) technische Assistentin an veterinär-medizinischen Instituten
Lehrgang 3: Metallografie und Materialprüfung
- sowie die ergänzenden Berufslehrgänge als Spezialisierungsrichtungen für die Schüler der Lehrgänge 1-3 und Absolventen bzw. externe Teilnehmer -
Lehrgang 4: Kinematografie
Lehrgang 5: Moulagen
Lehrgang 6: Angewandte Fotografie, Fotomontage, Reportage, Reklame
Lehrgang 7:für Freunde der Fotografie.

1962 wurde die Photographische Lehranstalt aufgelöst. Die technischen Bereiche wurden zu Abteilungen der Technischen Berufsfachschule und die Fachfotografie wurde zur Abteilung Fotografie in der Gewerblichen Berufsfachschule, seit 2003 Fotodesign in der Berufsfachschule für Design.
Die Absolventinnen und Absolventen gingen zumeist in die Industrie, in Fotolabore und –werke, in technische Werke, in Krankenhäuser, Forschungsinstitute, Polizeidienststellen, Bildagenturen, Museen und Sammlungen. Einige übernahmen oder gründeten eigene Ateliers oder wurden als selbständige Fotografen tätig, wie Käthe Buchler, Erna Lendvai-Dircksen, Toragoro Ariga, Marianne Breslauer, Liselotte Strelow, Liselotte Purper, Ilse Schneider-Lengyel, Ruth Jacobi, Hedda Walther, Sonja Georgi, Gabriele und Helmut Nothhelfer, Christa Peters, Lothar Wolleh, Karin Rocholl, Heiko Seekamp, Leo Seidel, Stefan Maria Rother, Anke Jacob.
Bedeutende Fotografen wie zum Beispiel Nikola Perscheid oder Roger Melis unterrichteten im Lette-Verein. (JaH)